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02.09.07

Geoemyda spengleri - Zackenerdschildkröte

Eigene, mehrjährige Erfahrungen bei der Haltung und Pflege von Geoemyda spengleri

(von S.Willig und E.Mistelbauer)

yang3.jpg

Vor Jahren habe ich (EM) im Internet zufällig eine Seite über Geoemyda spengleri gefunden. Leider waren keine Abbildungen oder Fotos vorhanden, die den Textteil hätten auflockern, oder das Geschriebene hätten veranschaulichen können. Nichtsdestotrotz war ich von der beschriebenen Schildkrötenart von Anfang an fasziniert.

Erwerb, Unterbringung und anfängliche Probleme:

Auf allen Börsen und in allen Zooläden in meiner Umgebung habe ich nach diesen Tieren Ausschau gehalten, jedoch ohne Erfolg, bis ich schließlich auf einer Börse ein Pärchen dieser Art erwerben konnte. Ab diesem Zeitpunkt begann wohl das Interesse an diesen Tieren zu steigen, da von diesem Zeitpunkt an immer häufiger und immer mehr dieser kleinen Schildkröten angeboten wurden.
Ich übernahm das frisch importierte Pärchen von einem Großhändler und wie es üblich ist, habe ich sie erst in Quarantäne gesetzt. Schon nach wenigen Tagen verstarb das Männchen und kurze Zeit später auch das Weibchen. Eine Obduktion brachte das Ergebnis, dass die Tiere an degenerierten Organen litten, eine typische Todesursache bei Importieren, welche auf die miserablen Haltungsbedingungen während des langen Transports und der Zwischenlagerungsstätten zurückzuführen ist.

Entmutigt wartete ich nun einige Zeit, ohne dass ich jedoch von dem Gedanken diese wundervollen Schildkröten pflegen und beobachten zu können, abwich.
Schließlich konnte ich zwei angeblich lang eingewöhnte Männchen von einem Privathalter übernehmen. Natürlich wurden auch diese Tiere auf Parasiten hin untersucht, allerdings ohne Befund. Deshalb zogen sie nach dem Erhalt des Befundes in ein 100cmx40cmx40cm (LBH) großes, zum Terrarium umfunktioniertes Glasaquarium.
Sabine fragte mich schließlich, ob ich ihr ein Männchen abgeben würde, was ich auch tat. Dann machten wir uns auf die Suche nach Weibchen, bis uns eine gute Freundin aus Karlsruhe den Tipp gab, wo wir Weibchen bekommen könnten. Gesagt, getan. Die beiden Weibchen waren in einem guten Allgemeinzustand und auch der Parasiten (Oxyuren) wurden wir bald Herr.

Im Internet wurden in der Zwischenzeit Stimmen laut, dass man Geoemyda spengleri nur einzeln halten könnte, weil sie sich sonst zu Tode stressen würden. Belegt wurde dies jedoch nie wirklich. Auch die Glaubwürdigkeit dieser Aussagen geriet schließlich ins Schwanken, als man von den Verfechtern dieser Meinung hörte, dass man auch Europäische Landschildkröten trennen und einzeln halten sollte.
Da wir denken, dass es für ein Männchen mehr Stress bedeutet, an einzelnen Tagen unter Beobachtung zu den Weibchen zu dürfen (dann ist es klar, dass es schnellstmöglich versucht für Nachkommen zu sorgen und sich zu paaren) und es wohl auch für das Weibchen unangenehm ist, wenn es ständig andere Tiere riecht (wenn man davon ausgeht, dass die bloße Anwesenheit des anderen Geschlechts die Tiere schon zu Tode stresst, dann fragen wir uns, warum dann Männchen und Weibchen in Riechweite und manchmal sogar Sichtweite untergebracht werden), haben wir uns schließlich entschlossen ein Terrarium für unsere Geoemyda spengleri zu bauen, das den Tieren den natürlichen Lebensraum so gut wie möglich nachempfindet und den Tieren jederzeit die Möglichkeit bietet sich zurückzuziehen. Nähere Informationen zum Thema Terrarienbau gibt es >>>hier<<<.

Weil bei Schildkröten ein Geschlechterverhältnis von 1:3 anzustreben ist, haben wir die beiden Pärchen getrennt untergebracht um einen Männchenüberschuss zu vermeiden. Ein Männchen und ein Weibchen leben zusammen in einem kleineren Terrarium, das andere Pärchen bezog ein 200cmx80cmx40cm (LBH) Terrarium, das mit der Abdeckung eine Gesamthöhe von 80cm aufweist. Um das Geschlechterverhältnis aufzubessern, hat sich Sabine noch drei weitere Zackenerdschildkröten angeschafft und sofort in Quarantäne überführt. Nach erfolgter Entwurmung mittels Magensonden, wurden sie zu den 1,1 in das große Terrarium gesetzt. Da sich eines dieser Tiere später als Männchen entpuppte, wurde es zusammen mit einem Weibchen abgegeben. Somit leben nun 1,2 Geoemyda spengleri in dem großen Terrarium.
Bislang kam es zu keinen Streitereien innerhalb der einzelnen Gruppen. Selbst das eine Männchen mit dem Weibchen verträgt sich gut und keines der Tiere hat bislang Gewicht verloren, ganz im Gegenteil.

Haltung und Pflege der Zackenerdschildkröten in unseren Terrarien:

Bis Februar 2006 lebten 1,1 Geoemyda spengleri bei EM zusammen in einem 150cmx40cmx40cm (LBH) großen Terrarium. Anfang Februar zog das Pärchen in ein neues, größeres Terrarium, doch dazu weiter unten mehr...
Das erste Spengleriterrarium bei EM, indem 1,1 zusammen lebten, stand in einem ca. 24°C warmen Raum. Als einzige Beleuchtung dienten ein Dachflächenfenster (das allerdings immer mit hellgrauen Rollos „abgedunkelt“ war und dessen Licht von einem großblättrigen Gummibaum abgefangen wurde bevor es auf das Terrarium traf) und eine 15W kompakt Leuchtstofflampe, die ein Äquivalent zu einer 75 W Birne darstellte. Diese Sparbirne beleuchteten ca. die Hälfte des Terrariums, während die andere Hälfe durch über das Terrarium rankende Pflanzen fast ganz dunkel war.

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wu unter sparlampe1.jpgDa sich das darin lebende Männchen fast ausschließlich in der dunklen Hälfe aufhielt, kann ich bei meinen Beobachtungen nur von dem Spenglerweibchen ausgehen, da nur sie (und das fast ausschließlich) die helle Hälfte aufsuchte.
Sie lag stundenlang unter der Lampe und schaute mit hoch erhobenem Kopf in der Gegend herum, ob nicht doch etwas Fressbares vorbei lief. Es kam aber auch vor, dass sie direkt unter der Lampe einschlief. Das deutet doch darauf hin, dass sie durch das Männchen nicht gestresst wird! Wäre sie ständig gestresst, würde sie sich wohl kaum immer völlig ohne Deckung präsentieren…






wu genau außerhalb des lichtkegels der glühbirne2.jpgEines Tages habe ich schließlich die Sparlampe durch eine handelsübliche 60W Glühbirne ersetzt um zu sehen, ob das Weibchen die Helligkeit mag, oder ob sie verzweifelt, Sparlampen geben ja kaum Wärme ab, auf Wärme von oben wartet. Glühbirnen würden diese Wärme liefern.
Nach ungefähr fünf Minuten unter der Glühbirne (Abstand zum Boden war 20 cm, 28°C), unternahm sie hastige Fluchtversuche die Scheibe entlang. Dennoch setzte sie sich anschließend wieder unter den Strahler, jetzt allerdings nicht mehr direkt darunter. Nach weiteren fünf Minuten ging sie aus dem Lichtkegel, allerdings gerade so weit, dass der Rand des Lichtkegels an ihren Panzer anschloss. So verweilte sie einige Zeit.





wu unter sparlampe7.jpgUm zu sehen, wie sie jetzt auf die andere, gewohnte Leuchtstofflampe reagieren würde, habe ich diese wieder eingesetzt. Das Tier merkte die Veränderung sofort und drehte ihr Köpfchen in Richtung Lichtquelle um sich schließlich wieder darunter zu setzten.


Wir schließen daraus, dass zumindest das Geoemyda spengleri Weibchen Helligkeit sehr mag, Strahlungswärme jedoch eher ablehnt. Ihrem Partner war damals alles egal, er saß nach wie vor lieber in seiner dunkleren Hälfte.
Anmerkung: Das Weibchen hat die typische schwarze Tannenbaumzeichnung am Plastron, während mein Männchen verwaschene Flecken am Bauchpanzer aufweist. Ob sich nun Tiere mit der Fleckenzeichnung (womöglich anderes Ursprungsgebiet) generell im Halbschatten aufhalten und die mit den Tannenbaummuster im Hellen, kann ich von meinen Tieren nicht auf die Allgemeinheit schließen, zumal im darauffolgenden Jahr, nach erfolgter Winterruhe, auch das Männchen den hellen Bereich aufsuchte und es zu genießen schien.

yang1.jpg yin1.jpg
Plastronansicht zweier Männchen im Vergleich

Wie schon erwähnt, leben die beiden Zackenerdschildkröten seit Februar 2006 in einem neuen Terrarium. Als Ausgangsmaterial für das selbst gebaute Becken fanden handelsübliche Aquarien Verwendung. Auf diese Weise wurde auch schon das große Geoemyda spengleri Terrarium bei SW gebaut (siehe weiter unten). Das Terrarium steht auf einer Fensterbank unter der sich ein Heizkörper befindet und ist 250cmx40cmx40cm (LBH) groß. Abgedeckt wird es mit eigens dafür gebastelten Platten aus transparentem Kunststoff.

neuesterra06.1.jpg

Durch die darunterliegende Heizung wird das Substrat direkt am Terrarienboden bis zu 24°C und an der Oberfläche bis zu 21°C warm. Eingerichtet wurde es wie die anderen Zackenerdschildkrötenterrarien auch und auch ein "FogMaster" wurde installiert (siehe weiter unten). Als Bodengrund fand Floraton3 Verwendung, da es extrem saugfähig, geruchsneutral und locker ist. Beleuchtet wird das neue Terrarium mit zwei Neonröhren und zwei Spotstrahler mit je 25 Watt sorgen für punktuelle 30°C.

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"Sonne bitte!" Auch diese G.spengleri sonnt sich nach der Winterruhe mit abgestreckten Beinen um der "Sonne" viel Haut entgegen strecken zu können.


Obwohl es in der Literatur, die sich fast ausschließlich auf Einzelhaltung bezieht, nie angesprochen wird, habe ich bei den Tieren im kleineren Terrarium beobachtet, dass das Weibchen sich dem Männchen nähert und mit ihrer Nasenspitze, die des Männchens zu berühren versucht. Wie man auf den nachfolgenden Bildern sehen kann sind beide Tiere gleich groß.

zuerst beriecht wu yin (w ergreift initiative).jpg
Das Weibchen nähert sich dem Männchen und beginnt zu „flirten“.
yin beriecht wu2.jpg
Jetzt fasst auch das Männchen Mut und beriecht seine Partnerin.

Dann nicken beide ganz leicht mit dem Kopf (der Kopf des Männchens ist dabei intensiv rosarot gefärbt) und sie beginnt wegzulaufen.

yin12.jpg
Männchen mit rotem Kopf in Paarungsstimmung.

Wenn das Männchen nicht hinterherläuft, bleibt das Weibchen nach wenigen Schritten stehen und dreht den Kopf in Richtung Männchen.

nachlaufen vor paarung1.jpg

nachlaufen vor paarung2.jpgWenn das Männchen ihr dann immer noch nicht nachläuft, macht sie kehrt und sucht erneut die Nasenspitze. Läuft ihr das Männchen aber hinterher, steigert sie ihr Tempo und ziert sich. Von „Vergewaltigungen“, kann als nicht im Geringsten die Rede sein!

paarung yin und wu1.jpg


Spengleri-Ei 005.jpg
eigene G.spengleri NZ 2011




Das größere Terrarium bei SW ist wie erwähnt 200cmx80cmx40cm (LBH) groß und steht bei SW. Eine Abdeckung sorgt für eine höhere Luftfeuchtigkeit und verlängert die Höhe des Terrariums auf 80cm.


spengleriterragroß-2-2005.jpg

Als Bodengrund wurde wenig gedüngte Blumenerde verwendet, die ca. 5 bis 15 cm hoch in das Glasbecken eingebracht wurde. Der gesamte Boden wurde bis auf wenige Stellen dicht bepflanzt und mit großen Steinen, Wurzeln und Korkhöhlen strukturiert. Bis auf wenige freie Stellen wurde eine Laub- und Moosschicht aufgeschüttet, sodass die Schildkröten jederzeit „abtauchen“ können, was ihnen durch ihre Panzerform auch perfekt gelingt. Mehrere flache Wasserschüsseln (Blumentopfuntersetzer) mit ständig frischem Wasser (abgestandenes Wasser meiden die Tiere) dienen als Badebecken. Anfangs verwendeten wir zwei Mininebler, die immer abends eingeschaltet wurden und für die nötige Luftfeuchtigkeit gesorgt haben.

fogmaster.jpgMittlerweile wurde ein Mininebler durch einen "FogMaster" der Firma TerraPlus ersetzt.

Zwei ca. 40cm vom Boden entfernt angebrachte 60W Spotstrahler (PAR 38) sorgen für punktuelle Wärmeplätze. In einem derart großen Gehege (wenn man bedenkt, dass die Zackenerdschildkröten nur um die 10cm Länge aufweisen) gibt es genug Möglichkeiten für die Tiere sich die ihnen zusagende Zone auszusuchen.

yangversteckt.jpg

Die Umgebungstemperatur liegt bei 18°C bis 22°C, unter den Strahlern werden 24°C bis 26°C erreicht. Beleuchtet wurde das Terrarium bislang mittels zweier Neonröhren, jedoch greifen wir neuerdings lieber auf nur eine, dafür stärkere Neonröhre zurück, da diese für natürlicheres und gleichmäßigeres Licht sorgt.
Wir sind der Meinung, dass man den Spengleri genügend Platz bieten sollte, denn nur dann kann man Unmengen an Verhaltensweisen beobachten, die in kleinen Einzelterrarien nie ausgelebt werden können.
Im großen Terrarium verlaufen die Paarungen so, wie schon oben beim kleineren Becken beschrieben wurde, nur dass das Männchen im großen Gehege auch selbstständig auf die Suche nach Weibchen geht. Im kleineren Terrarium ergreift ja fast ausschließlich das Weibchen die Initiative (vgl. weiter oben).


Ernährung:
Alle Geoemyda spengleri werden bei uns einzeln mit der Pinzette gefüttert, sobald sie sich zeigen und im Terrarium umher laufen, mindestens aber einmal pro Woche. So bekommt jedes Tier genug Futter und die Nahrungsaufnahme kann überwacht und dokumentiert werden. Streitereien der einzelnen Tiere um angebotenes Futter gibt es somit nicht.
Zackenerdschildkröten sind clevere Tiere, die sehr schnell „lernen“. Beispielsweise reicht es bei den Tieren schon aus, die Pinzette zu sehen, um sofort den Schnabel zu öffnen.
(Anmerkung: Der obere Schnabel besitzt ein hakenartiges Ende, das nicht gestutzt werden darf!)

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Als Futter kommen alle möglichen Würmer, Weichtiere, kleinere Säuger (gefrorene Babymäuse) Insekten und deren Larven in Frage. Besonders beliebt sind Regenwürmer, kleine Gehäuseschnecken, Zophobas, Grillen, Heimchen, Heuschrecken und Babymäuse. Individuelle Vorlieben werden bei der Fütterung von uns berücksichtigt, ohne dass es jedoch zu Lasten eines breiten Spektrums an Futtertieren geht.
Eine Liste von Futtertieren findet man hier >>>klick<<<

wu mit maus1.jpg
Wu beim Fressen einer aufgetauten Babymaus


Winterruhe:
Unsere Geoemyda spengleri überwintern ca. 2 bis 3 Monate bei 10°C und etwas trockenerer Umgebung in Kunstsoffboxen.


Weiterführende Literatur findet man >>>hier<<<


Yangs Stampfer2.jpg

Verfasst um 02.09.07 13:15

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